Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Harald Zimmermann (*12.09.1926 +19.03 2020) - Das IdGL trauert um seinen Gründungsdirektor

Veröffentlicht am 1 Apr 2020

Prof. Zimmermann entstammt einer Familie, deren Geschichte eng mit Siebenbürgen verbunden ist. Geboren wurde er am 26. September 1926 in Budapest. Die Grundschule und das Gymnasium besuchte er in Wien. Dort absolvierte er auch ein Studium der evangelischen Theologie und der Geschichtswissenschaft, das er jeweils mit einer Promotion abschloss. Nach der Habilitation 1961 im Bereich mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien war er an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig.

Familiengeschichtlich mit Siebenbürgen verbunden und in Wien wissenschaftlich geprägt, entfaltete er seine universitäre Karriere in der Bundesrepublik. Er war zunächst von 1968-1978 Inhaber einer ordentlichen Professur an der Universität Saarbücken und dann von 1978 bis zu seiner Emeritierung 1994 Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. „Von der Faszination der Papstgeschichte – besonders bei Protestanten“ war seine Antrittsvorlesung in Tübingen überschrieben. Dieser Faszination entsprang ein ebenso breites wie in der Fachwelt geschätztes und bleibendes, zahlreiche Abhandlungen und Editionen umfassendes Oeuvre zur Papstgeschichte des Mittelalters. Es fand seinen Ausdruck in der nationalen und internationalen Anerkennung des Mediävisten, für die Mitgliedschaften in mehreren Akademien und wichtigen Wissenschaftsgremien, mehrere Ehrendoktorwürden sowie hohe Auszeichnungen im In- und Ausland stehen.
 
Auf seinem langen akademischen Weg nach Westen blieb Prof. Zimmermann, was gelegentlich unterschätzt wird, immer auch in hohem Maß dem Osten Europas verbunden, nicht nur biografisch. Er hat ebenso auf dem Gebiet der Erforschung der Geschichte Ost- und Südosteuropas Bleibendes geleistet, und das gleich zweifach, als Historiker und als Wissenschaftsorganisator.

Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet sind seine grundlegenden Studien zur mittelalterlichen Geschichte Siebenbürgens wegweisend. Sein Festvortrag 1991 in der Frankfurter Paulskirche aus Anlass der 850-Jahr-Feier der Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen bleibt unvergessen. Und dass er seinen Vorlass bei Zeiten an das Siebenbürgen-Institut in Gundelsheim am Neckar abgegeben hat, zeugt von seiner Verantwortung gegenüber der historischen Überlieferung. Er wurde daher zu Recht anlässlich seines 90. Geburtstags als „ein siebenbürgisch-sächsischer Freund“ gewürdigt.

Wissenschaftsorganisatorisch hat er darüber hinaus mit seinem zielstrebigen Eintreten für die Gründung des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen (IdGL) eine wichtige außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit ins Leben gerufen und von Anfang an geleitet. Der Gedanke der Gründung eines Instituts mit dieser Ausrichtung wurde bereits 1954 artikuliert, als das Land Baden-Württemberg in Anerkennung der Beziehungen zwischen dem deutschen Südwesten und Südosteuropa die „Patenschaft über die Volksgruppe der Donauschwaben“ übernommen hat. Es sollten allerdings mehr als drei Jahrzehnte vergehen bis es nicht zuletzt dank Prof. Zimmermanns Überzeugungskraft gelang, das Institut zu eröffnen. Geradezu die Visitenkarte dafür lieferte er als Leiter der Ausstellung „Die Donauschwaben. Deutsche Siedlung in Südosteuropa“, die vom 4.-27. April 1987 im Neuen Schloss in Stuttgart erstmalig gezeigt wurde.

Auf der Grundlage eines Beschlusses der Landesregierung nahm das IdGL zum 1. Juli 1987 seine Tätigkeit auf, zunächst in einer Dreizimmerwohnung in der Tübinger Südstadt. Als Blaupause dienten die Strukturen, die Prof. Zimmermann in der Zeit seiner Tätigkeit an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften kennen und schätzen gelernt hat. Aus ursprünglich fünf Forschungsprojekten entstand im Laufe der Zeit eine national wie international anerkannte Forschungseinrichtung der deutschen Südosteuropaforschung. Gemäß seinem Forschungsprogramm „Migrations, Minorities, Memories“, dem es sich jüngst verschrieben hat, erforscht, lehrt und dokumentiert das Institut die Geschichte und Kultur deutscher Minderheiten in Südosteuropa und die damit verbundenen multi- und interethnischen Beziehungsgeschichten der Region sowie jene zwischen Südosteuropa und Mittel- sowie Westeuropa. Selbst wohl nicht ganz sicher, wie die Zukunft des Instituts aussehen würde, blickte Prof. Zimmermann aus der Distanz seines weisen Alters immer mit Stolz und Genugtuung darauf zurück, wie vorteilhaft sich das zarte Pflänzchen von 1987 entwickelt hatte.

Prof. Zimmermann war auch ein großer Freund der Donauschwaben und als solcher wird er mit der Geschichte des Instituts und der deutschen Südosteuropaforschung für immer verbunden bleiben.

Mathias Beer